Vom Aschenputtel zur attraktiven Prinzessin

Segnung des historischen Pfarrhauses Zell

Bild des Benutzers Siegfried Bergler
Neu erstrahlendes Pfarrhaus mit Kirche

Zell, 9. Juni 2013. Ein Volksfest rund um die Matthäuskirche und auf der Friedhofsstraße war angesagt. Es galt das Ende einer „never ending story“ (so ein Flyer-Aufdruck) zu begehen: Nach langwieriger, umfassender Sanierung und Restaurierung wurde das alte Pfarrhaus Zell mit Segnung zu neuem Leben erweckt.

Die Einsicht, dass es sich um ein Kulturgut ersten Ranges und um ein Gebäude mit überregionaler Bedeutung handelt, scheinen freilich immer noch nicht alle Gemeindeglieder aus Zell, Weipoltshausen und Madenhausen zu teilen, auch wenn es derweil bestimmt nicht mehr zwei Lager wie noch vor zehn Jahren gibt: eines, das sich für einen Neubau des Pfarrhauses stark machte, und eines, das für dessen Sanierung plädierte. Denn jede und jeder kann inzwischen das Prachtstück außen und innen bewundern. Und auch der Restaurierungskostenpunkt von rund 800.000 Euro ist längst kein Diskussionsthema mehr.

Schon im Festgottesdienst klang die schier unglaubliche Leistung mehrfach an, etwa als der Chor unter Leitung von Marina Skrzybski sang: „Großes hat der Herr an uns getan … Er hat mit uns Geduld“ oder als Pfarrer Martin Schewe / Schweinfurt-Christuskirche in Vertretung seiner auf Kur befindlichen Frau, der leider bald zusammen mit ihm nach Nürnberg wechselnden Ortspfarrerin Valerie Ebert-Schewe, bei der Begrüßung der Gemeinde von einem „Jahrhundertbauwerk“, ja sogar von einem „Jahrtausendwerk“ sprach. Schon vor der Jahrtausendwende sei ja „geplant, verworfen, geweint und immer wieder neue Hoffnung geweckt worden“. Auch seine Frau habe noch „viel Herzblut“ in dieses „Schmuckstück und Aushängeschild“ investiert.

Besonderer Gast des Events war der noch vielen gut bekannte Pfarrer Frank Witzel, von 2001 bis April 2005 in den drei Zellergrund-Gemeinden, zuvor seit 1993 in Schweinfurt-St. Lukas tätig gewesen. Er reiste eigens von der höchstgelegenen Kirche der Bayerischen Landeskirche in Hirschegg (Kleinwalsertal) ins Zeller Tal, um therapeutisch-psychologisierend über die Diskrepanz zwischen Heimat und Unterwegssein zu predigen. Schon die biblischen Propheten hätten sich gegen feste Bauten ausgesprochen; Jesus sei ein Wandercharismatiker, Paulus Wanderer zwischen den Welten gewesen. „Im Glauben beschreiben wir eine Ellipse um die zwei nicht deckungsgleich zu machenden Pole von Beheimatung und Auf-dem-Wege-Sein. Sie sollen miteinander ins Gespräch kommen“, weil dies unserer seelischen Gesundheit diene. Denn einerseits würden wir uns nach Geborgenheit, Sicherheit und Identität sehnen; andererseits gelte es aber, sich immer neu herausrufen zu lassen, um das Abenteuer des Lebens zu bestehen. Dafür habe uns Gott die Gabe des Misstrauens geschenkt – als Schutzfunktion für unser Leben. „Mut tut gut. Den Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.“

Anschließend ging’s doch zum festen Bau nach draußen, den Dekan Oliver Bruckmann unter den Schutz und Segen Gottes stellte. Er dankte dem Allmächtigen und Barmherzigen, dass die Renovierung „ohne Unfall und Schaden vollendet“ werden konnte. „Einen andern Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

Im kommenden Jahr wird dieses vermutlich älteste evangelische Pfarrhaus Bayerns seinen 400. Geburtstag feiern. Den hätte es um ein Haar nicht erlebt, wäre nicht jemandem (Karl Friedlein) innen ein bemalter Eichenbalken aufgefallen. Denn die graue Fassade außen täuschte, und die hohe Schadstoffbelastung des Dachstuhles ließ im Grunde genommen keine Alternative als den Abbruch zu.

Der Schweinfurter Kreisheimatpfleger Karl-Heinz Hennig erinnerte noch einmal an die lange Geschichte des Gebäudes, insbesondere aber an die Fehlentscheidung des Landesamtes für Denkmalpflege, es nicht in die Liste der erhaltenswerten Kulturobjekte aufzunehmen, und an die der Kirchengemeinde im Jahr 2000, die Abbruchgenehmigung zu erteilen, der die politische Gemeinde Üchtelhausen mit 14:1 Stimmen und anschließend auch das Landratsamt Schweinfurt stattgaben.

Denn „das stattliche und schöne Haus“ ersetzte ein ruinöses Pfarrhaus aus noch katholischen Tagen, vor Einführung der Reformation 1543. 1614 auf Beschluss des Rates der Stadt Schweinfurt errichtet, hat es den bereits vier Jahre später ausgebrochenen Dreißigjährigen Krieg genauso unbeschadet überstanden wie die beiden Weltkriege. Aber „jetzt kommt die Abrissbirne“ titelte laut Hennig die Lokalpresse im Jahr 2000. Er habe diese Aktion jedoch öffentlichkeitswirksam verhindern können. Die inzwischen geführten Debatten um die Sanierung hätten zwar viele Emotionen geweckt. „Aber nun wurde aus Aschenputtel eine attraktive Prinzessin.“ Übrigens hatte noch vor sieben Jahren im Evangelischen Sonntagsblatt eine Artikelüberschrift zum Zeller Pfarrhaus ein anderes Märchen bemüht: „Kleinod im Dornröschenschlaf“.

Dekan i. R. Johannes Strauß wies in seinem gereimten Grußwort jede Schuld von sich. Er befinde sich schon seit über 17 Jahren in Pension und sei nie gegen das Pfarrhaus gewesen, sondern „für Erneuerung des alten; das ließ sich aber nicht gestalten.“

Der Gruß von Landessynodalin Renate Käser bestand in einem Dankeschön an die Zellergrund-Gemeinden, „dass Sie Ihr Pfarrhaus wieder aufgebaut haben. Denn damit haben Sie einen wichtigen Impuls für ‚Kirche auf dem Land’ gesetzt.“

Abschließend resümierte Architekt Werner Stretz noch einmal die (fast unendliche) Umbaugeschichte, listete alle daran beteiligten Firmen namentlich auf und bedankte sich bei ihnen.

Nun ruht also die Hoffnung der Zellergrund-Gemeinden, bald eine neue Pfarrerin oder einen neuen Pfarrer zu bekommen, auf eben diesem Haus, in dem zunächst das Gemeindebüro eingerichtet und damit Pfarramtssekretärin Christa Ebert sozusagen als Erste einziehen wird. KV-Vertrauensmann Dieter Vogt: „Ohne vernünftiges Pfarrhaus bleibt kein Pfarrer!“