„Nicht du trägst die Wurzel; die Wurzel trägt dich!“

Am 9. November erinnerte das Dekanat mit einem Gedenkgottesdienst an die Novemberpogrome vor 81 Jahren.

Bild des Benutzers Heiko Kuschel

Jedes Jahr lädt das Evangelisch-Lutherische Dekanat zu einem Gedenkgottesdienst am 9. November ein. 81 Jahre, nachdem die Nationalsozialisten in ganz Deutschland über 1000 Synagogen zerstören ließen – auch die in Schweinfurt – erinnerte Dekan Oliver Bruckmann in seiner Begrüßung daran, dass in der sogenannten „Reichskristallnacht“ eben nicht nur Fenster zerbrachen, sondern Millionen Menschenleben zerbrochen wurden – mit Folgen für die Menschen und ihre Nachkommen bis heute.

Und gerade heute trete der Hass gegen Juden wieder offener zutage – hier sei unser Bekenntnis zu den jüdischen Mitmenschen wieder gefragt.

Dekan Bruckmann machte das Gedenken an der Geschichte der jüdischen Familie Eisenheimer fest, die über Generationen ein Eisenwarengeschäft erst in Gochsheim, dann in Schweinfurt hatte. In der Zeit des Nationalsozialismus und selbst danach jedoch nahmen sich nach und nach alle Mitglieder das Leben oder werden im Konzentrationslager ermordet. Lediglich Ernst Eisenheimer überlebte die Zeit; sein Sohn Eytan Tel-Tsur kehrte vor kurzem in seine Schweinfurter Heimat zurück und begegnete den letzten Zeugnissen aus dieser Zeit: Unter anderem dem Fuß eines Hawdala-Leuchters, den sein Urgroßvater, der Schweinfurter Eisenwarenhändler Max Eisenheimer, einst der jüdischen Kultusgemeinde in Erinnerung an seine Mutter gestiftet hatte. 

„Wie konnte das alles so kommen? Wie können wir diesen Menschen gerecht werden?“ fragte Bruckmann. Wichtig sei, immer weiter zu gedenken, sich zu erinnern und Geschichten wie diese zu erzählen, damit die Erinnerung wach bleibe.

Die Predigt hielt Prof. Dr. Helmut Utzschneider.  Er ist emeritierter Professor für Altes Testament an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau.  Prof. Dr. Helmut Utzschneider hat maßgeblich an dem Artikel der Verfassung mitgearbeitet, in der sich die Evangelische Kirche explizit zu Israel bekennt.  

Er erinnerte zunächst daran, dass wir überhaupt nicht 81 Jahre zurückgehen müssen – es reicht ein Monat. Dem Anschlag in Halle seien nur deshalb keine Juden zum Opfer gefallen, weil eine Tür den Attentäter aufhielt. Und dieser sei kein Einzeltäter: Ganze Gruppen seien mit rechtsextremer Gesinnung unterwegs, hinter denen auch Politiker mit „weißen Krägen und brauner Gesinnung“ stünden.

Er fragte: „Was haben die Christen damit zu tun?“ Antisemitismus gebe es seit Jahrtausenden, und auch wir Christen haben unseren Anteil daran.

Zunächst jedoch betonte er das Verbindende zwischen Juden und Christen: Beide glauben an denselben Gott, der Israel zu seinem Volk erwählt hat und den wir als „unser Vater“ ansprechen. Beide berufen sich auf dasselbe Schriftzeugnis, auch wenn Christen mit dem „Neuen Testament“ eine Ergänzung haben, die sich aber auch ständig wieder auf das Alte bezieht. Beide glauben auch an den Christus, den Messias: Juden erwarten seine Ankunft, Christen seine Wiederkunft – in der Person Jesu Christi jedoch unterscheiden sich die Standpunkte deutlich. Für viele selbstverständlich und doch immer wieder nötig zu betonen: Selbstverständlich waren Jesus und seine Jünger Juden!

Wie konnte es dann zu dieser Entzweiung kommen?

Professor Utzschneider begann seinen Rückblick gleich bei Paulus, dem großen Missionar des jungen Christentums. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass die jüdischen Regeln, insbesondere die Beschneidung und auch die Speiseregeln, für Nichtjuden nicht nötig sind – lediglich der Glaube an Jesus Christus ist es, der rettet. 

Doch schon Paulus sah wohl voraus, dass sich aus dieser Unterscheidung Konflikte ergeben würden. In seinem „Ölbaumgleichnis“ (Römer 11, 13-18) , das der Predigt zugrundelag, wies er die „Heidenchristen“ auf die Wurzel ihres Glaubens hin: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“

Dennoch entwickelte sich in den nächsten Jahrhunderten eine Konkurrenz zwischen beiden Glaubensgemeinschaften, wobei die Christen schärfer und auch gehässiger waren. Sie bezeichneten die Juden als „Gottesmörder“, deuteten die Zerstörung Jerusalems als Strafe Gottes und bezeichneten sich selbst als das „wahre Gottesvolk“ und die Juden als die Verworfenen. Auch Martin Luther bezog sich auf diese Tradition in seiner Schrift „Von den Juden und seinen Lügen“, in der er empfahl, Synagogen zu verbrennen und Juden ihre Bücher wegzunehmen.

Erschrecken und Scham nach dem Holocaust sorgten jedoch dafür, dass die Christen ihr Verhältnis zum Judentum überdachten – doch selbst dann dauerte es noch lange, bis die meisten Landeskirchen in den 80er Jahren in ihre Verfassungen entsprechende Erklärungen aufnahmen. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche dauerte es bis 2012, und selbst dann gab es noch heftige Widerstände.

Wichtiger als diese offiziellen Erklärungen, so Utzschneider, sei aber sowieso das konkrete Erinnern, so etwa in der Dokumentation „jüdisches Schweinfurt“ von Dr. Siegfried Bergler auf der Dekanatshomepage. Am alten Ort der Schweinfurter Synagoge in der Siebenbrückleinsgasse könne man sehr gut sehen, was fehlt: Dort ist nun ein leerer Platz, auf dem Autos parken; am Rand befindet sich eine Gedenkstätte. Und gerade dieser leere Platz weise darauf hin: Hier war jüdisches Leben. Es wurde ausgelöscht, zugepflastert, zugeparkt. Alle Gedenkorte können diesen Verlust nicht ersetzen.

Doch jüdisches Leben kommt nach Deutschland zurück. Es müsse uns als Zivilgesellschaft gelingen, jüdischen Einrichtungen ihr selbstverständliches Bürgerrecht zu sichern. 

Utzschneider endete noch einmal mit dem mahnenden Hinweis auf die Wurzeln des christlichen Glaubens: „Nicht du trägst die Wurzel; die Wurzel trägt dich!“