Das Paradies – eine Bibliothek

Öffentlichkeitsbeauftragter Pfarrer Dr. Siegfried Bergler wurde in den Ruhestand verabschiedet

Bild des Benutzers Heiko Kuschel

Eine Ära geht zu Ende: Nach über 13 Jahren, in denen Dr. Siegfried Bergler in Schweinfurt als Referent für Öffentlichkeitsarbeit tätig war und unter anderem auch diese Website betreute, wurde er am 30. Dezember in der voll besetzten St. Johanniskirche von Dekan Oliver Bruckmann in den Ruhestand verabschiedet.

Mit dem gewohnten Augenzwinkern verglich er in seiner wie immer lebhaften Predigt zunächst die volle Kirche mit der eher familiären Situation bei seiner Amtseinführung vor 13 Jahren beim Pfarrkonvent am Ellertshäuser See („für einen Öffentlichkeitsbeauftragten eher ungünstig“). Als Predigttext hatte er eines der sieben Worte Jesu am Kreuz gewählt: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23, 43)

Wer nun erwartet hatte, dass Siegfried Bergler dies auf das nun beginnende Ruhestands-Paradies beziehen würde, wurde zunächst in humoristischer, aber auch inhaltlich tiefgründiger Weise eines Besseren belehrt.  

Um das „heute“ ging es Bergler in seiner Predigt. Und darum, wie das sein kann, da doch die christliche Tradition das Paradies sehr viel zukünftiger sieht – als einen Ort, an den Jesus vorangeht und von dem er eines Tages wiederkommen wird, um die Seinen zu sich zu holen. Wieso dann „heute“? 

Hier, so Bergler, zeige sich die jüdische Vorstellung vom Paradies, das bereits jetzt beginnt. Auch das Gericht habe der Schächer schon hinter sich, habe er doch seine Sünden bekannt und bereut. Eine unbeschreibliche Zuversicht spricht für ihn aus diese Worten: Heute ist heute! Beide werden leben, Jesus und der Schächer am Kreuz. Doch auch den dritten am Kreuz, der während der gesamten Szene schweigt, will Bergler nicht verloren geben: Ob er wohl im Stillen seine Taten bereut?

Selbstkritisch blickte Bergler dann zurück auf das eigene Leben, in dem es genug zu bereuen und bedauern gebe, und doch habe jeder bei Gott die gleiche Chance.
Wie das Paradies aussieht? Das weiß keiner. Vielleicht ist es auch für jeden anders. Für ihn, so Bergler, sei es jedenfalls eine Bibliothek. Ein Lehrhaus wie in der jüdischen Tradition, mit Schülern und gelehrten Diskussionen und dem gemeinsamen Streben nach der Wahrheit.

Die Gemeinde dankte Siegfried Bergler für die kraftvolle Predigt mit spontanem Applaus.

Dekan Bruckmann würdigte das berufliche Wirken von Siegfried Bergler. Sein Lebenslauf liest sich wahrlich alles andere als gewöhnlich: Geboren in Lauenstein in Oberfranken, legte er 1972 in Kronach seine Abiturprüfung ab. Er studierte Theologie in Neuendettelsau, Tübingen sowie Judaistik in Jerusalem – schon hier zeichnete sich seine große Profession ab.

Nach dem Vikariat in München-Neuaubing und der Ordination am 13. Dezember 1981 war er zunächst als Pfarrer z.A. an der Bonhoeffer-Kirche Germering und der Jesus-Christus-Kirche Unterpfaffenhofen tätig. 

Danach war er beurlaubt, um an der Ludwig-Maximilian-Universität München zu promovieren. Seine Dissertation über „Joel als Schriftinterpret“ schrieb er bei seinem Doktorvater Prof. Dr. Jörg Jeremias.

Von 1986 bis 1992 war er Studienleiter beim Ev.-luth. Zentralverein für Zeugnis und Dienst unter Juden und Christen e.V. in Hannover, gleichzeitig Lehrbeauftragter in Münster, Hannover und Dortmund. 

Nach einer kurzen Vakanzvertretung als Pfarrer in der Waldkirche Planegg (1992-1993) zog es ihn nach Hamburg, wo er Rektor des Diakoniewerk Jerusalem e.V. sowie Pastor der Jerusalemgemeinde Hamburg wurde – wiederum verbunden mit einem Lehrauftrag an der Uni Hamburg.

Seit 2005 war er nun Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Dekanatsbezirk Schweinfurt (50%), dazu zunächst Religionslehrer am Celtis-Gymnasium. Seit September 2011 stattdessen Lehrbeauftragter für "Biblische Theologie"an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Fachbereich Religionspädagogik und -didaktik).

Dekan Bruckmann betonte in seiner sehr persönlichen Ansprache die Hingabe Berglers zu allen Themen, die er anpackte. „Es war mehr als nur ein Beruf. Es war eine Profession“. Als er Siegfried Bergler für seinen Vertretungs- und Predigteinsatz in nahezu allen Kirchen und Gemeinden des Dekanats dankte, brandete noch einmal Applaus auf – nicht nur von den zahlreich anwesenden Kolleginnen und Kollegen. Auch als immer bereiter und akribischer Protokollschreiber wird er fehlen. Presseberichte und Homepage, die Betreuung der Dekanatsbibliothek und die Redaktion der Dekanatszeitschrift „Perspektiven“ sowie des Innenstadt-Gemeindebriefs „evangelisch in schweinfurt“ waren wichtige Aufgaben, die er mit großer Hingabe erledigte.

Dekan Bruckmann dankte auch Frau Brigitte Bergler, die in der Schweinfurter Zeit ins Leben von Siegfried Bergler getreten war, für ihre freundliche und zugewandte Art und ihren Einsatz an vielen Orten in der Kirchengemeinde.

Nach einem berührenden Segen für das scheidende Ehepaar erhob sich die Gemeinde zu den Fürbitten und einem letzten Segen durch Pfarrer Dr. Siegfried Bergler.

Für den anschließenden Empfang war das Martin-Luther-Haus beinahe zu klein. Dicht gedrängt lauschten die Versammelten zunächst dem Grußwort von Prof. Dr. Peter Pilhofer (Universität Erlangen), der Berglers derzeit laufende Habilitation begleitet. Pilhofer betonte insbesondere die außergewöhnliche fachliche Breite, die sich Bergler im Laufe seines Lebens angeeignet hat: Vom Alten Testament kommend – dort schrieb er ja auch seine Doktorarbeit – über die Judaistik bis hin zum Neuen Testament als letzter Station und Krönung seiner wissenschaftlichen Laufbahn. So werde er nun im Ruhestand in Erlangen gleich drei vakante Stellen in allen diesen Bereichen vertreten. Bezug nehmend auf Lucky Luke – den Mann, der „schneller zieht als sein Schatten“ meinte Pilhofer: „Dr. Bergler wird in die Annalen eingehen als der Mann, der schneller schreibt als ich lesen kann.“

Senior Dr. Wolfgang Weich überreichte im Namen des Pfarrkapitels eine Flasche „Lauerwasser“ mit Fotos der Kolleginnen und Kollegen. Er erinnerte an viele gemeinsame Begegnungen und insbesondere an die Einladung Berglers, den Pfarrkonvent in seiner Heimat Lauenstein zu verbringen – ein für alle Beteiligten sicher unvergessliches Erlebnis. Er betonte außerdem die Praxisnähe von Berglers wissenschaftlicher Arbeit – er lebe eben nicht in einem Elfenbeinturm, sondern sei ein Grenzgänger. Ein Grenzgänger sowohl zwischen Altem und Neuem Testament, Christentum und Judentum, als auch zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Lehre und Welt.

Landessynodale Renate Käser würdigte das Wirken von Dr. Bergler mit einer kleinen Präsentation, in der sie noch einmal auf die Website verwies, die überhaupt erst die internationalen Kontakte ermögliche. Neben Brasilien werde die Homepage nun auch in Kolumbien aufmerksam verfolgt, von wo aus die ehemalige Schweinfurter Pfarrerin Christhild Grafe eine Video-Botschaft überbrachte. Renate Käser wies noch einmal auf den hintergründigen Humor Berglers hin, mit dem er sich – ein wenig versteckt im Impressum – auch auf der Homepage präsentierte, und zeigte einige der stets humorvoll kommentierten Selbstbildnisse.

Diakon Dr. Michael Wahler dankte gar in Reimform als Vorsitzender der ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen) Schweinfurt für die stets gute und inhaltlich hervorragende Zusammenarbeit.

Anschließend sprach Dr. Albrecht Garsky für das Katholische Bildungswerk. Auch dort werde Bergler fehlen: Seine Vorträge zogen regelmäßig über 100 Teilnehmende an. Doch auch inhaltlich werde das Thema „Christlich-jüdischer Dialog“ nur schwer in ähnlicher Qualität zu füllen sein. „Wer geht, hinterlässt eine Lücke. Wer geht, hinterlässt Spuren. Wer geht, hinterlässt aber auch Freunde.“
Vertrauensfrau Elisabeth Dämmrich dankte schließlich im Namen des Kirchenvorstands der Kirchengemeinde St. Johannis für sechs Jahre, die Bergler als gewähltes Mitglied gewirkt hatte. Das Dankeschön stehe bereits auf seinem Balkon in Bamberg, doch seine Frau Brigitte bekam von ihr noch eine Orchidee überreicht.

Dr. Bergler selbst bedankte sich für alle Aufmerksamkeit und zeigte noch einmal eines seiner kleinen Notizbüchlein vor, in die er regelmäßig geschrieben hatte. Augenzwinkernd beklagte er sich, dass er zwar viele Verabschiedungen und Einführungen erlebt habe („Ich wusste schon vorher, was der Dekan sagen würde“), meist aber so lange mit Notizen beschäftigt war, dass am Buffet für ihn selten etwas übrig blieb.

Ob Siegfried Bergler weiter predigen wird, ist erst einmal offen. Zumindest auf seiner eigenen Homepage www.siegfried-bergler.de ist derzeit kein neuer Gottesdienst eingetragen. Wir hoffen natürlich auf weitere erfrischende und tiefschürfende Predigten. Es bleibt uns nun nur noch, ihm auch an dieser Stelle herzlich zu danken für alle Tätigkeit in unserem Dekanatsbezirk. Möge er in seiner neuen Wahlheimat Bamberg zusammen mit seiner Frau sein persönliches Paradies finden.