"Die Kraft der Erinnerung - Geheimnis der Erlösung"

Gedenkfeier des Evang.-Luth. Dekanats Schweinfurt 85 Jahre nach den Novemberpogromen

Bild des Benutzers Heiko Kuschel
Der siebenarmige Leuchter steht neben Kreuz, Blumen und Altarkerzen auf dem Altar. Im Hintergrund ist Mose zu sehen, der die barocke Kanzel trägt.

Schweinfurt. Seit vielen Jahren erinnert das Evangelisch-Lutherische Dekanat Schweinfurt am 9. November mit einem Gottesdienst an den Jahrestag des Beginns der Novemberpogrome im Jahr1938.

Zum 85. Jahrestag dieses schrecklichen Datums erinnerte Dekan Oliver Bruckmann zunächst an die vielen Jahre, in denen der 9. November in Deutschlands Geschichte eine herausragende Rolle gespielt hatte:

Es begann 1918 mit der Ausrufung der Republik und dem Beginn der parlamentarischen Demokratie in Deutschland. 1923, vor genau 100 Jahren, rief Adolf Hitler zum Putsch auf und scheiterte, doch die Nazis erinnerten jedes Jahr an dieses Datum.

In das Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, 1933, fiel die Feier des 450. Geburtstages von Martin Luther am 10. November. Am 9. November 1933, vor 90 Jahren, wurde der Kirchplatz aus diesem Anlass in „Martin-Luther-Platz“ umbenannt und eine Lutherbüste aufgestellt, deren Kopie heute wieder auf dem Platz zu sehen ist. Stadt, Partei und Kirche feierten Luther gemeinsam als „Wegbereiter Hitlers“, so der damalige Oberbürgermeister. Dekan Bruckmann dazu: „Welch schreckliche, unheilvolle Allianz!“

Schließlich, am 9. November 1938, brannten in Deutschland die geschändeten Synagogen. Menschen jüdischen Glaubens werden attackiert, gedemütigt, geschlagen, entwürdigt und entrechtet – jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet und zerstört.

Dekan Bruckmann erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass auch Martin Luther zu den Wegbereitern dieses Judenhasses gehörte. In seiner Hetzschrift „von den Juden und ihren Lügen“ rief er 1543 dazu auf, „Dass man ihre Synagogen mit Feuer verbrenne und werfe hinzu, wer kann, Schwefel und Pech …“.

Bruckmann nahm deutlich Stellung gegen diese Äußerungen Luthers, auf die sich die Nazis unter anderem beriefen:

„Als evangelische Kirche haben wir uns hier beschämt zu distanzieren und aus solchem kritischen Gedenken solidarisch und mitmenschlich an die Seite der Juden zu stellen – dies ganz besonders auch jetzt nach dem 7. Oktober 2023 und dem mörderischen Hass und Rasen der Hamas. Gegen Antisemitismus, gegen Rassismus, gegen Willkür.“

Pfarrer Reiner Schübel, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erwachsenenbildung (AEEB) e.V. , hatte seiner Predigt das Thema gegeben: „Die Kraft der Erinnerung – Geheimnis der Erlösung“. Dass Erinnern Kraft kostet, sei heute in den Gesichtern derer zu lesen, die in Israel um Angehörige oder Freunde trauerten oder um Geiseln bangten. Der 7. Oktober, der Tag mit der höchsten Zahl jüdischer Opfer, werde sich unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis Israels einbrennen.

Zuweilen gehe Erinnern über die menschliche Kraft, so Schübel. Etwa für einen Mann, der in Auschwitz Frau und Kinder verlor und nur nachts arbeiten konnte, um die Bilder in seinem Kopf zu vermeiden. Erinnern sei zuweilen unerträglich, doch es könne auch heilsam sein, es trage eine heilsame Kraft in sich. So etwa im Jahr 1989, als wiederum am 9. November die Menschen Mut, menschliche Größe und Gottvertrauen zeigten und die innderdeutsche Mauer zu Fall brachten.

„Nicht das Vergessen! Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“, schreibt beispielsweise der jüdische Gelehrte Baal Schem Tov. Diese Worte seien auch in der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem zu lesen.

Eines der wichtigsten jüdischen Glaubensbekenntnisse aus 5. Mose 8 beginnt mit den Worten: „Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nah“ und schildert dann den Auszug Israels aus Ägypten. Durch alle Krisen hindurch finden Jüdinnen und Juden in diesem Rückblick auf frühere Bewahrung eine Hilfe, gerade, wenn das Leben unerträglich zu werden droht. Erinnern sei dann nicht Rückblick auf Gewesenes, so Schübel, sondern Vergegenwärtigung und Orientierung für den Blick nach vorn.

Schübel schloss mit einem Appell, sich für Frieden und Verständigung einzusetzen: „Gott will und braucht uns für sein Friedensprojekt und gegen jede Form von Antisemitismus, Gewalt und Rassismus.“