PRESSESCHAU: Reichspogromnacht-Gedenken

Zwar 79 Jahre später - aber zur Erinnerung ist es nie zu spät

Schweinfurt, Do. 09. November 2017. Gedenkgottesdienst an die Reichspogromnacht 1938

"... In der Sankt Johanniskirche begann mit Ende der SPD-Feier ein von Siegfried Bergler gehaltener Gedenkgottesdienst, dem Andrea Balzer mit ihrem Orgelspiel viel Würde gab. Das heutige Miteinander von Juden und Christen drückte Bergler dadurch aus, dass neben den üblichen Lichtern auch die sieben Kerzen einer Menora brannten. Einmal mehr sprach an einem 9. November außerdem die mit der Geschichte der Juden vertraute Ilse Vogel (Weipoltshausen) zu rund 50 Zuhörern. Auch sie warnte davor, es „endlich mit den alten Geschichten“ sein zu lassen, wie sie erst wieder gehört habe. „Was unter den Teppich gekehrt wird, ist nicht aus der Welt, im Verborgenen lebt es weiter, der Teppich wird unruhig, bewegt sich, der Unrat drängt ans Licht“, sagte sie. Und weiter: „Im Erinnern liegt das Geheimnis der Erlösung, also das Überwinden und Freiwerden von Schuld.

Ebenso Bergler, der die Notwendigkeit des sich Erinnerns mit einem Zitat des jüdischen KZ-Überlebenden Elie Wiesel untermauerte: „Gestern hieß es: 'Auschwitz nie gehört', heute heißt es gelangweilt: 'Auschwitz, ach ja, ich weiß schon'.“ Deswegen dürften wir „nicht schweigen, Erinnerung gilt es zu lernen und immer wieder einzuüben, damit sie auch im Gedächtnis haften bleibt.“ Ausführlich befasste sich Bergler in seiner Predigt mit der Frage, wo der Mensch, wo die Kirche damals gestanden, warum Gott das alles zugelassen habe. Eine plausible Antwort zu finden nannte er unmöglich, zitierte hierzu aber erneut Wiesel mit diesem „nachdenkenswerten“ Satz: „Ebenso wenig wie man Auschwitz mit Gott verstehen kann, ebenso wenig kann man es ohne Gott verstehen.“

© Main-Post 2017; "Schweinfurter Tagblatt" vom 11.11.2017, S. 25.

Text: Hannes Helferich, Fotos: Bergler