Wie ein verlorenes Kind nach Hause findet – oder Weihnachten im Mai

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

Ich begrüße Sie zu Unserer Mittagsandacht, die heute aus Schwebheim kommt.

Am vergangenen Sonntag feierten wir nach einer 8 wöchigen Fastenzeit unseren ersten Gottesdienst in der evangelischen Auferstehungskirche.

Nach den gegenwärtigen Regeln geleitete ein Empfangsteam die Menschen zu den möglichen Sitzplätzen in der Kirche.

Als ich dann zu Gottesdienstbeginn am Altar stand, war ich sehr berührt, denn es waren überraschend viele gekommen. Ich sagte bei der Begrüßung: Das ist ja wie Weihnachten: Alle Plätze sind besetzt.

Ein bisschen wie Weihnachten – so haben wir uns tatsächlich gefühlt. Obwohl die Bedingungen – Masken zu tragen und Abstand zu. halten – doch sehr unangenehm sind.

Endlich hatte sich erfüllt, wonach Gemeindeglieder sich gesehnt hatten. So wie an Weihnachten unsere Sehnsucht nach Liebe und Angenommen sein eine Antwort findet.

In den Herrnhuter Losungen heißt es heute:

„Als der Sohn noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“

Dieser Vers gehört zu einer Geschichte aus der Bibel, die viele Menschen kennen und lieben:

Ein Sohn, der sein Hab und Gut und noch mehr - sich selbst! - verloren hatte, findet den Weg nach Hause. Er kann das väterliche Anwesen noch gar nicht deutlich erkennen, da sieht er, wie ein älterer Mann auf ihn zu rennt. Was dann geschieht, hätte er nie erwartet. Sein Vater, von dem er noch zu Lebzeiten das ihm zustehende Erbe gefordert hatte, fällt ihm um den Hals und küsst ihn.

Nicht als Knecht, der sich erst einmal bewähren muss, wird er eingestellt. Sondern als Sohn wird er aufgenommen. Er empfängt einen neuen Siegelring als Zeichen seiner Würde.

Nach Hause finden ist die größte Aufgabe unseres Lebens. Martin Luther sagt dazu: Es ist nötig, dass der Mensch täglich umkehrt.

In diesen Wochen wird viel von Umkehr gesprochen. Z.B. von der Umkehr zu einer Politik, die das Leben unserer Erde viel stärker schützt, als es bisher der Fall war.

Umkehr kann nie von oben herab verordnet werden. Umkehr kann nur in einzelnen innen drin beginnen. Paulus schreibt:

„Richtet euch nicht länger nach ´den Maßstäben` dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken“ (Römer 12, 2 – NGÜ)

Der Sohn, der von zu Hause fortging, dachte, er hätte nicht genug vom Leben, nicht genug Spaß, nicht genug Abenteuer. Er stellte sich vor, wie er weit weg vom elterlichen Hof, in der Unabhängigkeit, endlich das Leben genießen könnte.

Warten wir nicht oft darauf, dass sich die Umstände verändern, damit wir ein gutes Leben finden?

In einer neuen Weise zu denken, könnte heißen, dass wir Gott vertrauen, dass er uns genug gibt, auch wenn die Umstände gerade schwierig sind.

Das Vertrauen in Gott haben wir nicht ein für alle Mal. Wir müssen es tatsächlich jeden Tag neu einüben. Je mehr wir von uns selbst wegsehen und uns mit den Möglichkeiten Gottes befassen, desto gelassener werden wir.

In einer neuen Weise zu denken, könnte auch bedeuten, dass wir einen schlichten Lebensstil einüben, dass wir uns darin üben, mit weniger Geld auszukommen, auf kostspielige Reisen zu verzichten. Bekommen wir nicht gerade jetzt dazu genug Anregungen?

Lernt, in einer neuen Weise zu denken! Ein großes Übungsfeld ist die Liebe zu den Menschen um uns. In den vergangenen Wochen mussten wir zu vielen Leuten Abstand halten, um sie und uns nicht zu gefährden. Ich habe gestaunt, wie selbstverständlich Menschen am Gemüsestand auf dem Marktplatz sich in einer langen Reihe anstellten und dass niemand sich vordrängelte. Die Nächstenliebe zu üben, könnte auch heißen, dass ich mich nicht wertlos fühle, wenn gerade niemand anruft oder vorbeikommt, sondern dass ich stattdessen selbst initiativ werde. Wem könnte ich eine Freude machen?

Ich weiß, wir können die Welt nicht retten, aber wir können uns auf den Weg machen hin zu dem, der die Macht hat, zu bewahren, zu retten.

Dabei wird uns aufgehen: Unsere Umkehr ist keine Übung, die uns so viel Kraft kostet, dass wir irgendwann erschöpft aufgeben. Genaugenommen ist unsere Umkehr nur deshalb möglich, weil Gott den ersten Schritt auf uns zugeht. „Als der Sohn noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater!“

Er nimmt uns liebevoll in die Arme, jeden Tag neu.

Dann kann man Weihnachten feiern, sogar mitten im Frühlingsmonat Mai. Bleiben Sie behütet!

Von Herzen grüße ich Sie!

Ihr Johannes Ziegler

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