Gottesdienst zum Zuhören aus Obereisenheim

Bild des Benutzers Ivar Brückner

Begrüßung

Guten Morgen.

Heute ist der Sonntag Judika, zwei Wochen vor dem Osterfest – und ich grüße Sie und Euch ganz herzlich!

Kein Gottesdienst in der Kirche. Wir wissen alle, warum.

Aufgrund der Corona-Krise wurden sämtliche religiöse Feiern von Christen, Muslimen, Juden und anderen Glaubensvereinigungen untersagt. Selbst bei Bestattungen darf nur noch eine kleine Anzahl nächster Angehöriger anwesend sein. Ich hatte das erst vorgestern.

Durch diese und viele weitere einschneidende Maßnahmen soll ein immer großflächigerer Ausbruch des Virus vermieden oder mindestens verzögert werden. 

Ein umfassendes Verbot von Gottesdiensten war bisher schlichtweg unvorstellbar. Selbst in schlimmsten Krisen, Kriegs- und Katastrophenzeiten blieb Menschen die Möglichkeit, sich in Kirchenräumen zu versammeln, dort gemeinsam zu beten, zu singen. Die Kirche war in vielen Fällen nicht nur der naheliegendste, sondern oft auch der letzte denkbare Ort, um vor Gott zu klagen, gemeinschaftlich zu bitten und getröstet zu werden. Dieser Zufluchtsort für eine Gemeinschaft von Gläubigen steht nun erst einmal für Wochen nicht mehr zur Verfügung. 

Guten Morgen! Trotzdem! Die Glocken in unserer Kirche in Obereisenheim läuten um 10.00 Uhr, aber niemand soll kommen. Corona-Quarantäne.

Nochmal trotzdem: Wer sonntags in die Kirche geht, soll das wenigstens weiterhin in Gedanken tun. Und wem heute nach Kirche zumute ist, dem sage ich auf diesem Weg: Herzlich willkommen!
Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalmlesung

Die Psalmen breiten die Vielfalt des Lebens vor Gott aus: Lob und Dank, Klage und Bitte, Jubel und Verzweiflung, Gewissheit und Vertrauen.
Ich lese Verse aus Psalm 121:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!
 Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,
wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Predigt

Hat da jemand geniest? Die Frau am Tiefkühlregal, atmet irgendwie schwer? Naja, immerhin trägt sie Mundschutz. 

Szenen aus dem Supermarkt. Vorgestern selbst erlebt. 

Ein Mann greift neben einer Frau ins Regal. Zu nah. 

Reflexartig schiebt sie schnell ihren Wagen weiter. Menschen mit Einkaufskorb machen große Bögen umeinander.

Menschen gehen auf Abstand – und das ist wohl auch gut so.

Die meisten Europäer haben sich auf Sicherheitsabstand in die eigenen 4 Wände zurückgezogen.

Firmen starten in Windeseile Home-Office-Projekte.

Hier, zu Hause, mag man vor dem Virus sicher sein, aber in aller Bequemlichkeit droht Angst, die sich schnell als Nebenfolge von Isolation einstellt. Die Gesellschaft hat sich kollektiv in Quarantäne begeben, 1 Meter 50 zum Nächsten - mindestens. 

Gemeinsinn und Solidarität pflegt man jetzt am besten dadurch, dass man sich abschottet. 

Jeder ist auf sein eigenes Leben verwiesen. Selbst wer nicht gefährdet scheint oder auf einen milden Verlauf der Infektion hoffen kann, der meidet soziale Kontakte, damit eintritt, was die Statistiker berechnet haben: Die Infektionskurve soll abflachen. 

Die offene Gesellschaft hat trotzdem Mühe, so einfach auf Abschottung, Selbstversorgung und Kontaktsperre umzustellen. Der Ausnahmezustand braucht Zeit, bis sich alle daran gewöhnt haben, und vor allem: Vernunft! 

Und bitte keine Panik, weder beim Hamsterkauf, noch beim täglichen Blick auf Fallstatistiken und Sterblichkeitsraten. Jeden Tag auf der Zeitungstitelseite der Main-Post nachzulesen: Infizierte, Genesene, Gestorbene. 

Das unsichtbare Virus hinterlässt Spuren in Herz und Seele. 

In diese Situation hinein lese ich den heutigen Predigttext aus dem Hebräerbrief, ein spätes Stück neutestamentlicher Briefliteratur über den Sinn des Lebens, der in Gegensätzen entsteht: Innen und Außen, Gegenwart und Zukunft.

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Hebr 13,12-14

Diese kurze Text aus dem Hebräerbrief malt uns den gekreuzigten Christus vor Augen, der draußen vor dem Tor seinen einsamen Tod stirbt. Ein schwieriges Bild. Und dennoch ein Trost.

Social distancing, soziale Distanzierung ist das Gebot der Stunde und wird in der Gestalt des Kontaktverbots für jede und jeden von uns erfahrbar. Nicht zwei oder drei, sondern nur noch zwei dürfen versammelt sein, wenn man bei zweien überhaupt noch von einer Versammlung reden kann.

Als Pfarrer erlebe ich auch sonst mal, dass die Kirchen leer sind oder jedenfalls leerer, als ich es mir wünsche. Aber sie nun ganz leer zu wissen, auch in der Karwoche und zu Ostern, ist immer noch eine absurde Vorstellung. Ich teile sie mit denen, denen der Gottesdienstbesuch ein Bedürfnis ist. Ich teile sie mit all denen, für die der Besuch einer Kirche oder eines Gottesdienstes gerade jetzt ein Bedürfnis wäre.

Denn ist es nicht so? Auch wir – lassen ihn – den Gekreuzigten - allein in diesen Tagen. Wir dürfen ihn nicht besuchen, uns nicht in den Bänken oder noch näher bei ihm zum Abendmahl versammeln. Kein Gründonnerstag. Kein Karfreitag. Er ist drinnen. Wir müssen draußen bleiben.

„Was gibt uns Trost in diesen Tagen?“, fragt mich eine ältere Dame letzten Mittwoch am Telefon – telefonieren ist fast die einzige Möglichkeit, Kontakt miteinander zu halten. Ich denke:
ER gibt uns Trost und finde diesen Trost in den Worten aus dem Hebräerbrief:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Jesus hat draußen vor dem Tor gelitten. Der Ort seiner Hinrichtung befand sich, wie üblich, außerhalb der Mauern der Stadt Jerusalem. Aus der Geschichte seines Leidens und Sterbens kennen wir den Weg, den er mit dem Kreuz zurückgelegt hat, die Vorgänge, die sich bei der Kreuzigung abgespielt haben. Und wir wissen, dass nur wenige seiner Jüngerinnen und Jünger ihn auf diesem letzten Weg begleitet haben. Viele sind gar nicht erst herausgekommen aus der Stadt. Von einigen wird in den Evangelien erzählt, dass sie nahe bei Jesus, unter dem Kreuz stehen. Die meisten bleiben aber in einigem Abstand. „Von ferne sahen sie zu“, heißt es, so als hielten sie weit mehr Abstand als den Sicherheitsabstand, der uns in diesen Tagen auferlegt ist. Und irgendwann kam der Zeitpunkt, als auch noch die Letzten gehen mussten, als selbst die römischen Soldaten ihren Feierabend machten und den toten Jesus am Kreuz zurückließen.
Was für ein Trost kann aus diesem einsamen Tod kommen? Ist die Kreuzigung Jesu vielleicht doch einfach nur eine schreckliche Geschichte, verstörend und wenig einladend zum christlichen Glauben?

In den Zeiten einer Krise, wie wir sie gerade erleben, tritt hervor, welche Kraft im Bild des verlassenen Gekreuzigten steckt. Und dass es kein Zufall, keine selbstquälerische Ideologie,
 ist, die uns dazu bringt, gerade dieses Bild in unterschiedlicher Gestalt in unseren Kirchen – und – in unseren Köpfen präsent zu haben.

Denn Jesus kann das, was so schwer ist. Er hat Angst und Verlassenheit ausgehalten, er stirbt draußen vor dem Tor, verlassen von Menschen, verlassen von Gott. Alles, was wir in diesen Tagen an Angst und Verlassenheit erleben, kennt er. In seinem Gesicht, gequält, geduldig erkennen wir uns wieder wie in einem Spiegel, vielleicht mehr als jemals zuvor.

Hinausgehen zu Jesus vor das Lager – in eine Kirche zu gehen, sich dort dem Gekreuzigten nähern, ist zurzeit nicht möglich. Aber wir sind Jesus trotzdem nah, wir teilen mit ihm das Gefühl der Angst und Verlassenheit, die Erfahrung, dass gerade niemand helfen kann und wir allein hindurchmüssen.

Jesus ist da. Er ist allein in unseren leeren Kirchen, so allein, wie er allein gewesen ist auf Golgatha. Und trotzdem ist er auch bei uns zu Hause, oder wo auch immer wir uns im Moment aufhalten dürfen. Damit wir jemanden haben, an den wir uns halten können. Einen, der weiß, wie es uns geht. Amen.

Fürbittengebet und Vaterunser

Herr, unser Gott,
diese Zeit bringt uns die Einsamkeit näher, aber auch die liebevolle Zuwendung mit allen Mitteln, die uns möglich sind.
Stärke die, die jetzt stark sind für andere, komm zu allen, die aushalten helfen, die Kranke pflegen und Sterbende begleiten, sich um andere kümmern.
In diesen Tagen müssen viele schwierige Entscheidungen getroffen und durchgesetzt werden.
In diesen Tagen werden Menschen sterben.
In diesen Tagen ist unser aller Leben, ob jung oder alt, ob lebenskräftig oder krank, unsicherer geworden.
Wir bitten für uns, dass wir Gottvertrauen und Lebensmut gewinnen, unsere Wege neu zu finden.
Herr erbarme dich!
Gott, diese Bitten bringen wir zu dir, und noch viel mehr liegen in unseren Herzen.
Im Vertrauen, dass Du uns hörst, beten wir, wie Jesus Christus es uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute,
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Herr segne und behüte uns.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Amen.
 
Bleiben Sie, bleibt Ihr Gott befohlen! Ich wünsche Ihnen und Euch einen gesegneten Sonntag!

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