Gottes Hausgenossen

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ Eph 2,19

Liebe Gemeinde,

mit einem riesigen medialen Aufgebot wurde letzten Freitag das muslimische Abendgebet in der ehemaligen Kirche Hagia Sophia begangen. Von überall kamen Menschen teilweise sogar aus dem Ausland angereist um dieses geschichtsträchtige Ereignis mit zu erleben. Der türkische Präsident Erdogan leitete persönlich als Vorbeter den Gottesdienst ein. In einem Interview sagte er: „Ein Sieg über das Christentum!“

Hier hatte anscheinend gefühlt ein langer, erbitterter Kampf statt gefunden (auch wenn man das als Christ wahrscheinlich gar nicht so richtig mitbekommen hatte, weil einem die Hagia Sophia Wurst ist). Die ehemals größte Kirche der Antike wird zum Politikum, zum Ort der Machtdemonstration. 

Es ist nicht das erste Mal, dass dies mit dieser Kirche geschieht. Schon bei ihrem Bau ging es weniger um Frömmigkeit, als vielmehr um: Macht. Ein Machtkampf zwischen dem römischen Kaiser und seinem Senat. Der Kaiser gewann und mit Gewalt wurde der Bau finanziert.

Der Sinn eines Kirchengebäudes oder eines sakrales Ortes ist die Sammlung. Ein Ort, wo die Gemeinde zusammen kommt, um Gottes Wort zu hören und das Abendmahl und die Taufe zu empfangen. Es geht um die Gemeinschaft, die dadurch lebt, dass Christ*innen im Glauben zusammen kommen. So werden aus Fremden und Gästen Familienmitglieder und Mitbewohner.  Die Orte, die dadurch entstehen, sind einem heilig. Der Ort, wo man geheiratet hat, wo die Kinder, vielleicht sogar man selbst, getauft und konfirmiert wurden. Wo man in schweren Zeiten allein und mit anderen gebetet hat.

Wem so ein Ort heilig ist, der kümmert sich auch darum. Den trifft man auch außerhalb der Gottesdienste in und um das Kirchengebäude an. Der kehrt vielleicht den Kirchhof, gießt die Blumenkästen, putzt ehrenamtlich das Kirchgebäude oder kommt einfach so in die Kirche, um ein Gebet zu sprechen, legt einen Euro in den Opferstock, hilft ehrenamtlich beim Mesnerdienst und sperrt die Kirchentür auf und zu. Bei besonderen Festen, wie Konfirmation und Kirchweih werden Kränze geflochten, geschmückt und alles „herausgeputzt“, um die Feier besonders schön zu machen. Alles, damit die Gemeinde einen schönen Ort hat, an dem sie sich gerne vor Gott versammeln kann, sich wie ein Mitbewohner und Familienmitglied wohl fühlt. Wie ein Zuhause, wo alle die darin leben mit anpacken: den Müll heraus bringen, den Abwasch machen und die Blumen gießen.
Erdogan jedoch ist diese Gemeinschaft der ‚Heiligen‘ genauso egal wie Kaiser Justinian, der die Hagia Sophia erbauen ließ. Es sind Machtpolitiker, die sich als Eigentümer aufspielen, die polarisieren und ihre Günstlinge zu einer heiligen Gemeinde hochstilisieren. Sie nutz(t)en den sakralen Ort, um ihre Machtposition zu untermauern.

Auch wir müssen überlegen, wie wir in Zeiten, in denen Gelder knapper werden, Gottesdienstbesucher und Mitglieder schwinden, Kirchengebäude nutzen wollen. Sollen sie Orte des Machtkampfes sein, an denen man auf Biegen und Brechen fest hält? Als Symbol, dass der christliche Glaube einmal gesellschaftliche und politische Bedeutung hatte? Dass der christliche Glaube über Islam oder Atheismus siegt? Oder wollen wir ‚heilige Orte‘. Orte, wo man sich ein Stück weit zuhause fühlt, wo man sich auch bei der Pflege und Gestaltung beteiligt, weil man Mitbewohner in einem Haus Gottes ist.

Bleiben Sie behütet.

Alles Gute und Gottes Segen
Pfrin. Sigrid Ullmann

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