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Wort zum Volkstrauertag

Geistliche Besinnung am 13. November 2011

Schweinfurt, Alter Friedhof, 11 Uhr:

Feierstunde am Ehren- und Mahnmal

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Remelé, werte Geistlichkeit, sehr geehrte Amtsträgerinnen und Amtsträger, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger von Schweinfurt!

Dem Rhythmus des evangelischen Kirchenjahres gemäß treten wir mit dem heutigen Volkstrauertag ein in das „traurige Ende des Kirchenjahres“, gefolgt vom Buß- und Bettag am nächsten Mittwoch, in der Gustav-Adolf-Kirche an dessen Vorabend um 17.00 Uhr begangen als „Sozialpolitischer Buß- und Bettag“ unter dem Motto: „Für manche das Beste, für andere nur Reste.“ Den Abschluss des Kirchenjahres bildet am nächsten Sonntag der Toten- bzw. Ewigkeitssonntag. „Ihr Toten, ihr Toten seid größere Heere“, klagt der Dichter Conrad Ferdinand Meyer. Ja, angesichts von 9 Millionen Kriegstoten im I. und von unfassbaren 55 Millionen Kriegstoten im II. Weltkrieg sind Klage und Trauerarbeit angebracht, hier und heute.
Passend zum heutigen Volkstrauertag fanden am letzten Mittwoch Gedenkfeiern und Gottesdienste zur „Reichspogromnacht“ statt, euphemistisch als „Reichskristallnacht“ bezeichnet, als am 9. November 1938 hier in Schweinfurt wie im gesamten Deutschen Reich Synagogen, Geschäfte und Wohnungen von jüdischen Mitbürgern systematisch zerstört wurden. Der 9. November ist ohnehin als Schicksalstag der Geschichte Deutschlands im letzten Jahrhundert zu betrachten:

-     9. November 1918: Ende des Kaiserreiches: Philipp Scheidemann ruft vom Balkon des Reichstagsgebäudes in Berlin die Weimarer Republik aus

-     9. November 1923: „Hitlerputsch“: Adolf Hitler versucht – vorerst vergeblich -, mit dem Marsch auf die Feldherrnhalle in München die Macht an sich zu reißen

-     9. November 1938: Reichspogromnacht, wie bereits erwähnt

-     9. November 1989: Fall der Mauer in Berlin, Beginn der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands. Genauer betrachtet war es eine 2/3-Wiedervereinigung, denn 1/3 des ehemaligen Reichsgebietes oder 110.000 qkm jenseits der Oder-Neisse-Linie in Gestalt von Schlesien, Pommern und Ostpreußen waren endgültig verloren.

Nur rund 20 m von diesem Kriegerdenkmal entfernt steht das„Vertriebenen-Denkmal“ mit folgender Aufschrift: „In dankbarem Gedenken an die Aufnahme von über 32.000 Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland, Nieder- und Oberschlesien, West- und Ostpreußen, Pommern, dem Banat, Siebenbürgen, der Heimat der Donauschwaben (ich ergänze: aus der Bátschka) und der Deutschen aus Russland nach dem 2. Weltkrieg in das von Bomben zerstörte Schweinfurt und im (eigentlich: in den) Landkreis Schweinfurt“.
Wenn ich als Pfarrer ältere Schweinfurter Bewohnerinnen und Bewohner in den Seniorenheimen Augustinum, Paul-Gerhardt-Haus, Wilhelm-Löhe-Haus oder Pflegezentrum Maininsel besuche, so lerne ich oft dramatische Biographien und Lebensschicksale von Personen kennen, deren Wiege in Schlesien, Pommern oder Ostpreußen stand. Ihre traumatischen Erlebnisse von Flucht und Vertreibung wurden aus politischen Gründen oft verdrängt oder tabuisiert, doch auch ihnen, den Vertriebenen, möge Gerechtigkeit widerfahren! Aber in welchem Sinne? Im Sinne des Revanchismus? Nein! Wie dann?
Aus schmerzhaften Erfahrungen ist schon lange bekannt, dass die Prozesse der Aussöhnung zwischen Völkern nach Kriegen schwierig und langwierig sind, weil die Gefühle der beteiligten Völker auf beiden Seiten zutiefst verletzt wurden. Im Friedenswort der deutschen katholischen Bischöfe „Gerechter Friede“ aus dem Jahr 2000 heißt es dazu:
„Die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts mit seinen beispiellosen Gewaltexzessen hat eindringlich gelehrt, wie gefährlich es sein kann, die Macht unversöhnter Erinnerungen zu verkennen. Seelische Wunden, die allenfalls notdürftig vernarbt, nicht aber verheilt sind, drohen immer wieder auszubrechen. Das Gift nie ausgesprochenen Leids, nie eingestandener Schuld, nie verziehenen Unrechts nährt das Verlangen nach Rache und Vergeltung. Der verhängnisvolle Virus der Gewaltbereitschaft kann über Generationen weitergegeben werden, ohne an Virulenz zu verlieren. Im Gegenteil: Je mehr die persönliche Erinnerung an die Gräuel und Schrecken des Krieges und der Gewalt verblasst und ihre hemmende Wirkung nachlässt, desto stärker ist die Versuchung, Revanche zu nehmen.“ –

Dass es aber auch anders laufen kann und Versöhnungsarbeit wirklich dann gelingt, wenn sie geduldig, konstant, aufrichtig und wahrhaftig betrieben wird, dies beweist das Buch der beiden Co-Autorinnen Gisela Herrmann und Barbara Dziewiecka-Figiel mit dem deutsch-polnischen Doppeltitel: „Das Haus unter der Linde“, polnisch „Dom pod Lipa“. Was ist der Hintergrund? Am letzten Dienstag (8.11.2011) las Frau Gisela Herrman, die verwitwete Senior-Chefin der bekannten Schweinfurter Firma Krönlein, im Augustinum aus ihrem Buch vor. Das Haus unter der Linde war das evangelische Pfarrhaus von Giersdorf, heute polnisch Opolnica in Schlesien, gelegen in der Grafschaft Glatz. In diesem Pfarrhaus lebte Gisela, geborene Blasius – so hieß auch ihr Vater, der dortige evangelische Pfarrer mit Nachnamen – von Geburt an, also von 1925 bis zu ihrer Vertreibung und Flucht am 23. Januar 1945 – es war ein besonders kalter Winter. Jetzt wohnt im ehemaligen evang. Pfarrhaus eine polnische Lehrer-Familie, darunter Frau Barbara Dziewiecka-Figiel. Diese lernte Frau Herrmann bei deren erstem Besuch 1983 – 38 Jahre nach der Vertreibung – kennen. Die beiden Frauen befreundeten und besuchten sich öfter gegenseitig – man sprach französisch -, und aus der Korrespondenz ging dieses wunderbare deutsch-polnische, also zweisprachige Buch „Das Haus unter der Linde“ bzw. „Dom pod Lipa“ hervor: ein gelungenes Dokument wahrhaftiger Vergangenheitsbewältigung und Aussöhnung! Möge die „schlesische Glocke“ – es ist die zweitgrößte der Gustav-Adolf-Kirche und sie stammt aus dem Kreis Liegnitz in Niederschlesien – möge diese Schweinfurter schlesische Glocke auch weiterhin ihr Geläut für Frieden und Aussöhnung erschallen lassen!

Zum Schluss noch ein Zitat aus einem Lied des größten Dichterfürsten dieser Stadt, Friedrich Rückert, dessen Eltern Johann Adam und Maria Barbara Rückert sowie dessen Schwester Maria Rückert nur 10 bis 15 Meter von diesem Kriegerdenkmal entfernt begraben sind. Dieses Lied aus dem Jahre 1834 im Nachklang der Napoleonischen Kriege hat unter der Nr. 14 Eingang gefunden in das gegenwärtig gültige Evang. Gesangbuch (EG) für Bayern und Thüringen, und es passt auch zur bevorstehenden Adventszeit. Die Strophen 1 und 2, 5 und 6 aus diesem Liede lauten und klingen so:

(V.1)
Dein König kommt in niedern Hüllen,
ihn trägt der lastbarn Es’lin Füllen,
empfang ihn froh, Jerusalem!
Bestreu den Pfad mit grünen Halmen;
so ist’s dem Herren angenehm.

(V.2)
O mächt’ger Herrscher ohne Heere,
gewalt’ger Kämpfer ohne Speere,
o Friedefürst von großer Macht!
Es wollen Dir der Erde Herren
den Weg zu Deinem Throne sperren,
doch Du gewinnst ihn ohne Schlacht.

(V.5)
O Herr von großer Huld und Treue,
o komme Du auch jetzt auf’s Neue
zu uns, die wir sind schwer verstört.
Not ist es, dass Du selbst hienieden
kommst, zu erneuern Deinen Frieden,
dagegen sich die Welt empört.

(V.6)
O lass Dein Licht auf Erden siegen,
die Macht der Finsternis erliegen
und lösch der Zwietracht Glimmen aus,
dass wir, die Völker und die Thronen,
vereint als Brüder wieder wohnen
in Deines großen Vaters Haus.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Pfarrer Manfred Herbert